Du erhebst dich schwerfällig von deinem Strohlager und wankst zum Fenster.
Erste Sonnenstrahlen dringen durch den Nebel, der sanft vom Rhein aufsteigt. Ein weiterer Tag im Dienst der limitanei.
Du rückst dir den schweren Wollmantel zurecht und reibst dir die müden Augen.
Dein leichter Schlaf verträgt sich nicht gut mit dem ringhörigen Turm. Jedes Geräusch reisst dich aus dem Schlaf.
Sei es das polternde Gelächter der Mannschaft am Tisch unten -
oder das Scheppern der Schilde und Waffen, wenn sich Soldaten beim Anbruch ihrer Schicht ausrüsten.
Du gähnst und deine Augenlider werden schwer.
«Miles Marcellus! Optio Flavius verlangt draussen nach dir.»
Du schreckst auf. Du hast den Kameraden gar nicht kommen hören. Ein schöner Wachsoldat bist du, denkst du dir missmutig und nickst dem Boten knapp zu.
Was der Optio wohl von dir will? Erst vor wenigen Tagen wurden einige Männer zum Kastell in Tasgetium geschickt.
Es geht das Gerücht um, dass Kaiser Gratian sein Heer aufstockt. Der Feldzug gegen die Goten im Osten braucht Verstärkung.
Neidisch hattest du zugesehen, wie die Kameraden aufgebrochen waren.
Nur ein kümmerlicher Rest der riparienses milites blieb zurück.
Männer wie du, die hier am Rhein, westlich des Lacus Brigantinus, die Stellung halten sollen.
Wollte der Optio dich nun ebenfalls an die Front schicken?
Das wäre deine Chance zu zeigen, dass du – wie dein Bruder auch – das Zeug hast, im Bewegungsheer des Kaisers zu dienen.
Du siehst, wie Optio Flavius mit strenger Miene auf Arbogast einredet.
Du bist erleichtert, als du deinen besten Freund erkennst. Arbogast hätte bereits gestern Abend von seinem Heimurlaub zurückkehren müssen, doch du konntest ihn nirgends finden.
Vielleicht hat er sich ja verspätet und bekommt nun den Zorn des Optio zu spüren.
Du grüsst den Vorgesetzten förmlich und stehst stramm.
«Ave, Soldat. Die Versorgungstruppen aus Tasgetium sind unterbesetzt. Die nächste Lieferung trifft jeden Moment an der Anlagestelle an.»
«Ihr beide sollt beim Ausladen der Fracht helfen. Und schau, dass der Alamanne hier die schweren Fässer abbekommt.»
Enttäuschung wallt in dir hoch. Keine Beförderung, keine Abenteuer im Feindesland. Nur ein stinknormaler Auftrag, den du deinem Freund hier zu verdanken hast.
Hmm, Arbogast sieht mitgenommen aus. Hat ihn der Spott des Veteranen so arg getroffen?
Sonst nahm er es stets gelassen, wenn ihn jemand aufgrund seiner alamannischen Herkunft hänselte.
Arbogasts Familie stammt ursprünglich aus dem Gebiet nördlich des Bodensees.
Sein Vater hatte den römischen Militärdienst verrichtet und zog daraufhin mit der Familie in die römische Provinz Maxima Sequanorum, wo er wie dein Vater einen Gutshof führt.
Du bemerkst die dunklen Schatten unter seinen Augen. «Ist alles in Ordnung?», fragst du vorsichtig.
«Klar. War nur wieder mal spät dran.»
Du hast Mühe mit dem strammen Tempo Schritt zu halten. Das ist untypisch für Arbogast. Sonst ist sein Gang federnd und entspannt, doch jetzt scheint es fast so, als würde er vor etwas davon rennen.
Auch die Stille zwischen euch verwundert dich. So wortkarg erlebst du deinen Freund sonst nie. Dabei kennst du ihn, seit du denken kannst.
Ihr beide kommt vom selben vicus und habt erst kürzlich die Rekrutenschule gemeinsam absolviert.
Arbogast redet für gewöhnlich von früh bis spät, scherzt mit allen und lacht viel und laut. Wo war das schelmische Grinsen geblieben, das euch als Jungen so oft in Schwierigkeiten gebracht hatte?
Was war zu Hause vorgefallen?